Effizienz, für wen genau?

Perspektiven mit KI

Effizienz, für wen genau?

14.05.2026 Fokus Betrieb Unternehmen & Politik 0
Perspektiven mit KI | Effizienz, für wen genau

Foto: NEUE PERSPEKTIVE, KI-generiert

Beitrag anhören:

Jetzt Beitrag teilen!

Vor ein paar Jahren war Künstliche Intelligenz (KI) ein Hype-Thema für Konferenzen. Heute entscheidet sie mit, wer im Unternehmen noch gebraucht wird. Mit ihr wird die Digitalisierung vorangetrieben. Künstliche Intelligenz ist der Motor für Wachstum und Innovation und wird zur Standortfrage für Deutschland erhoben. Der zunehmende Einsatz von KI-Agenten in Verbindung mit massivem Stellenabbau geben jedoch auch Anlass zu Befürchtungen. Das Tempo ist dementsprechend rasant, die Versprechen klingen gut und die Nebenwirkungen interessieren bisher kaum jemanden.

Stell dir vor: Die KI erledigt deinen Bericht in zwei Stunden statt in vier. Klingt zwar nach Entlastung, doch in der Praxis füllen die zwei gewonnenen Stunden sofort neue Aufgaben. Am Ende des Tages bist du beschäftigter als vorher, nur mit mehr Dingen gleichzeitig und dem Gefühl, nie fertig zu werden. Das ist kein Zufall, das hat System.

Besonders deutlich zeigt sich das in der Automobilindustrie. Stellenabbau, Kostendruck, Arbeitsverdichtung. Vernetzte Fertigung, automatisierte Entscheidungsunterstützung und KI-Assistenz in der Produktion sind längst Realität. In einer Zeit zunehmender Arbeitsverdichtung und Orientierungslosigkeit wirkt sie wie ein Pflaster, doch darunter brennt es weiter.

KI-Agenten sind keine besseren Chatbots. Sie planen eigenständig, führen Aufgaben aus, buchen Meetings, schreiben Berichte, beantworten E-Mails. Klingt ganz praktisch. Organisatorisch werden sie wie Beschäftigte behandelt. Das Problem: Jeder Agent braucht trotzdem jemanden, der ihn steuert, prüft und für seine Fehler haftet. Diese Rolle landet still und leise bei einem Menschen. Ohne neue Stellenbeschreibung, ohne Gehaltsanpassung. – Einfach so.

Für das Management klingt das verlockend: kein Urlaub, kein Krankenstand, kein Gehalt. Für alle anderen ist es ein Warnsignal. Mehrere internationale und deutsche Konzerne haben in den letzten Monaten Stellenabbau angekündigt und dabei KI als zentralen Faktor genannt. Was bleibt, ist eine Belegschaft, die mehr leisten soll, mit weniger Menschen, gestützt auf Technologie, deren Ergebnisse kaum jemand wirklich prüfen kann oder gar beherrscht.

Aktuelle Studien wie Ranganathan & Ye oder Massenkoff & McCrory benennen Phänomene, die zeigen, wie KI-Einsatz langfristig die mentale und physische Gesundheit von Beschäftigten belastet.

Workload Creep: Der Agent liefert in Minuten, wofür ein Mensch Stunden brauchte. Das Management sieht freie Kapazität und füllt sie mit neuen Aufgaben, höheren Erwartungen und dichterem Takt. Viele kennen das Gefühl, nie wirklich fertig zu werden. Ein Marathon ohne Ziellinie. Langfristig mündet das in Erschöpfung bis hin zum Burnout.

Scope Creep. Weil Agenten schnell liefern, steigen die Erwartungen. Projekte wachsen unkontrolliert, neue Anforderungen kommen dazu, das Ziel verschiebt sich ständig. Ressourcen und Zeitpläne werden dabei selten angepasst. Die Haltung dahinter: Die KI wird’s schon richten. Niemand fragt, was das kostet und was dafür wegfällt.

Role Creep. Nach dem Stellenabbau bleibt die Arbeit, das Personal wird weniger. Offene Aufgaben landen bei denen, die gerade verfügbar sind. Ein einmaliges Einspringen wird zur Daueraufgabe. Rollen werden breiter, Grenzen verschwimmen. Wer mehr trägt, bekommt keine bessere Karrierechance. Die Mehrleistung gilt schnell als selbstverständlich.

Diese drei Phänomene greifen ineinander. Workload Creep erhöht das Pensum. Role Creep weitet die Verantwortung aus. Scope Creep treibt beides voran. KI-Agenten verstärken alle drei gleichzeitig und beschleunigen so, was ohnehin schon aus dem Ruder läuft.

KI ist ein großer Verstärker. Sie verstärkt einerseits Produktivität, aber auch Arbeitsverdichtung, unscharfe Rollen und unkontrolliertes Wachstum. Technischer Fortschritt ist per se nicht schlecht. Allerdings braucht er klare Verantwortlichkeiten, realistische Erwartungen und ehrliche Gespräche darüber, was Arbeit kosten darf.

Konkret heißt das: Pilotphasen mit Beschäftigtenfeedback vor dem großflächigen Einsatz. Klare Regeln zur Datenherkunft, zur Löschung und zu Zugriffsrechten. Und ein pragmatischer Umgang mit kleinen Lösungen, die früh zeigen, wo etwas schiefläuft, etwa wenn ein Qualitätsprüfalgorithmus wiederholt Bauteile einer bestimmten Schicht benachteiligt.

Der Gesamtbetriebsrat verhandelt derzeit mit der Geschäftsleitung eine Betriebsvereinbarung zu KI. Ziel ist ein klarer Rahmen: Was darf KI im Unternehmen? Wo sind die Grenzen? Wie werden Beschäftigte geschützt? Diese Vereinbarung soll nicht nur auf Papier existieren, sondern im Alltag wirken. Das ist der richtige Ansatz. Besser jetzt als nach dem nächsten Stellenabbau.

Sie haben Anmerkungen, Feedback oder Ideen? Melden Sie sich vertrauensvoll an info@neue-perspektive.org

Quellen:
KI intensiviert Arbeit statt sie zu reduzieren — Studie | AI Changing Work
Labor market impacts of AI: A new measure and early evidence \ Anthropic
Nowcasting_Econ-Report-v12 (2).pdf
Workload Creep erkennen und Überlastung stoppen